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Zahnweh auf Weltreise

Der Arzt in der Oase

Der Schmerz ließ Annika nicht mehr los. Den ganzen Tag über war er da – pulsierend, bohrend, schwer wie ein dunkler Nebel in ihrer linken Gesichtshälfte. Kaum etwas half. Keine Meditation, kein leises Atmen, keine heiße Brühe beim Mittagessen. Und auch das stille Sitzen während der Abendpraxis wurde zur Tortur. Jeder Herzschlag drückte gegen den Entzündungsherd tief im Kiefer, als ob ihr Körper ihr nun jede Stunde dafür heimzahlen wollte, dass sie monatelang nicht hingesehen hatte.

Stefan machte sich sichtbar Sorgen. Er wich kaum von ihrer Seite, fing jede angedeutete Regung mit seinen Augen auf, fragte leise nach ihrem Zustand. Am nächsten Morgen, gleich nach dem stillen Frühstück, nahm er schließlich seinen Mut zusammen und ging zum Retreat-Leiter. Ein bärtiger Mann Ende fünfzig mit einer sanften Stimme, der in wallenden weißen Baumwollgewändern durch das Gelände schwebte und bei Sonnenaufgang stets den Gong läutete.

„Namaste“, sagte Stefan und schob sich nervös die Brille zurecht. „Entschuldige… es geht um meine Freundin. Sie hat schlimme Zahnschmerzen. Unten… Backenzahn. Wir brauchen einen Zahnarzt.“

Der Retreat-Leiter neigte den Kopf leicht, runzelte dann aber die Stirn. „Einen Zahnarzt gibt es hier nicht in der Nähe. Die Klinik in der Stadt… ist zwei Stunden mit dem Bus. Und die hat nur Montag bis Donnerstag auf. Heute ist Samstag.“ Er schwieg kurz. „Aber wir haben einen Arzt im Zentrum. Dr. Kamon. Er ist Allgemeinmediziner. Ein guter Mann. Sehr erfahren. Vielleicht kann er helfen?“

Stefan nickte zögerlich. „Wenn er einen Blick drauf werfen kann… bitte.“

Noch am selben Vormittag wurde Annika zur kleinen medizinischen Hütte geführt, etwas abseits des Haupthauses, hinter dem Gemüsegarten. Es war ein schlichtes, schattiges Gebäude aus Holz und Wellblech. Innen standen zwei Liegen, ein kleiner Schreibtisch, ein Regal mit einigen Medikamenten. Der Geruch nach Kampfer, getrockneten Kräutern und etwas Metallischem hing in der Luft.

Dr. Kamon war ein kleiner, drahtiger Mann mit scharfem Blick, in Khakihose und Poloshirt. Sein Englisch war bruchstückhaft, aber verständlich. Als Annika zögernd erklärte, was sie spürte, und den Mund öffnete, nickte er ernst. Ohne viele Worte setzte er sich eine Lupenbrille auf, ließ sich Zeit, sah sich alles gründlich an.

„Left mandibular molar… second one. Big cavity. Exposed. Inflamed,“ murmelte er mehr zu sich selbst als zu ihr. Er nahm ein kleines Instrument, klopfte vorsichtig – Annika zuckte zusammen.

„Ah, very sensitive. Infection possible. Gingiva swollen. Maybe nerve involved. Do you have fever?“ Sie schüttelte den Kopf. „Headache? Malaise?“ – „Nur schlecht geschlafen“, flüsterte sie.

Dr. Kamon stand auf, seufzte, schrieb etwas auf ein Klemmbrett.

„You need dentist. But... now not possible. Maybe Monday. I give you antibiotic and painkiller. Ibuprofen. And Amoxicillin. Take three times per day.“

Annika fühlte sich klein wie ein Kind. Der Arzt sprach ruhig, sachlich, nicht hart – aber es war trotzdem, als würde ein Urteil gefällt. Und sie wusste, dass es stimmte. Sie war viel zu lange mit diesem Loch durch Asien gereist. Jetzt war es keine harmlose Mulde mehr, sondern ein infizierter Hohlraum, der sich langsam aber sicher in ihre Gesundheit hineinfraß.

Stefan war während der Untersuchung still geblieben, saß neben der Tür, die Hände auf den Knien. Jetzt trat er zu ihr, als sie vom Stuhl glitt. Ihre Augen waren glasig, aber sie lächelte matt.

„Also kein Bohren im Dschungel“, versuchte sie zu witzeln.

Doch Stefan erwiderte das Lächeln nicht. Er strich ihr nur sanft über den Rücken. „Wir holen das nach. Ganz bald.“

Draußen blendete die Sonne. Das Retreat schien unverändert friedlich – Vögel, leise Stimmen, Rascheln von Blättern.

Aber in Annika war etwas gekippt.

Zum ersten Mal auf der Reise war da das Gefühl: Sie war nicht mehr frei.

Nicht mehr ganz unversehrt.

Und der Schmerz, der sie nun durch die Tage begleitete, war nicht nur ein körperlicher.

Es war auch der scharfe Nachhall einer Entscheidung, die sie zu lange verschoben hatte.