Zahnweh auf Weltreise
Schweigen zwischen Gewürzen
Zwei Tage vergingen.
Istanbul legte sich wie ein warmer Teppich über die Zweifel, die Gespräche, die Gedanken an Füllungen und Zahnzwischenräume. Die Stadt war zu groß, zu lebendig, um Sorgen lange festzuhalten. Morgens streiften sie durch den Ägyptischen Basar, verloren sich zwischen getrockneten Granatäpfeln, Safran, Zimtstangen und den Rufen der Händler. Abends saßen sie am Ufer des Bosporus, die Füße im Wasser, das Rauschen der Wellen unterbrochen vom gleichmäßigen Tuckern der Fähren.
Stefan sagte in diesen zwei Tagen kein weiteres Wort über den Zahnarzt.
Nicht, weil er vergessen hätte.
Sondern weil er spürte, dass der Impuls – so gut gemeint er war – Annika in eine Enge getrieben hatte, in der sie nicht mehr atmen konnte. Also ließ er los. Beobachtete. Wartete. Hoffte.
Annika ihrerseits war bemüht, leicht zu wirken. Fröhlich. Frei. Und meistens gelang ihr das auch. Nur manchmal, wenn sie in einem Café an ihrem Simit kaute und plötzlich innehielt, den Biss leicht versetzt setzte, wurde Stefan still. Oder wenn sie vor dem Spiegel mit der Zunge prüfend gegen den Zahn drückte, als wüsste sie selbst nicht genau, ob er noch ganz oder schon wieder ein Stück zerbröselt war.
Am dritten Abend standen sie vor der Galatabrücke, die Angler warfen ihre Ruten über das Geländer, Straßenmusik hallte von der Unterführung herauf, und der Wind roch nach Diesel, Salz und gebratenem Fisch. Annika hatte sich an Stefans Arm gehängt, still, fast zärtlich.
„Ich hätte heute gehen können“, sagte sie plötzlich, ohne ihn anzusehen.
Stefan sah nur ihr Profil, weich im goldenen Licht der untergehenden Sonne.
„Ich weiß“, sagte er.
„Aber ich wollte nicht.“
„Ich weiß.“
Sie schwieg. Dann hob sie leicht das Kinn, schloss die Augen für einen Moment.
„Es ist dumm, oder?“
„Nein“, sagte Stefan ruhig. „Es ist menschlich.“
Sie ließ seinen Arm los, trat einen Schritt vor, lehnte sich gegen das kalte Geländer.
„Weißt du, ich hab mich manchmal gefragt, warum ich so viele Füllungen hab. Warum ausgerechnet ich. Ich hab nie mehr genascht als andere, ich hab geputzt, manchmal sogar zu oft. Aber es war, als hätten meine Zähne schon als Kind beschlossen, kaputt zu gehen. Ganz egal, was ich tat.“
Stefan trat neben sie, sagte nichts.
„Und dann saß ich da, Jahr für Jahr, offen im Mund, irgendein Zahnarzt, der das Licht über mein Gesicht schwenkt wie ein Scheinwerfer, und ich spürte nur noch Scham. Irgendwann hab ich mich mit der Rolle abgefunden. Die mit den schlechten Zähnen. Die, bei der immer was ist.“
Ihre Stimme war leise geworden, fast tonlos. Der Verkehr auf der Brücke floss weiter, die Welt rauschte an ihnen vorbei.
„Ich wollte das nicht mehr mitnehmen. Nicht auf diese Reise. Ich wollte… neu sein.“
Stefan legte behutsam seine Hand auf ihre Schulter.
„Aber du bist doch nicht deine Vergangenheit. Und auch nicht deine Zähne.“
Sie drehte sich zu ihm, ein schwaches Lächeln. „Sag das mal meinem Fünfer oben links.“
Er grinste. „Wenn er sprechen könnte, würde er wahrscheinlich um Hilfe rufen.“
Annika lachte leise, dann senkte sie den Blick. „Vielleicht… wenn wir übermorgen weiterreisen… dann könnten wir ja vorher noch... du weißt schon.“
„Ich weiß.“
„Aber nicht Şişli. Ich will nicht in eine sterile Klinik. Ich hab eine kleine Praxis gesehen, in Kadıköy. Altmodisch, aber freundlich. Ein Zahnarzt, der selbst behandelt. Kein anonymes Zentrum.“
„Klingt gut“, sagte Stefan. Und es klang, als meine er mehr als nur die Praxis.
Sie nickte langsam. Und diesmal war es nicht das Zögern einer Flucht – sondern der erste Schritt zu einer Entscheidung, die sie selbst traf.
An diesem Abend sprachen sie nicht mehr über Zähne.
Aber zwischen Gewürzen, Bootslärm und Straßenlichtern hatte sich etwas verschoben: Nicht nur ein Stück Metall im Mund, sondern ein kleines Gewicht auf dem Herzen.
Und es war leicht geworden. Ein bisschen.
Der Morgen, an dem alles hätte besser werden sollen, begann mit einem flauen Gefühl im Bauch.
Annika lag auf dem Rücken, die Decke bis zur Brust hochgezogen, den Blick auf die schäbige Deckenlampe über ihr gerichtet, die leicht im Luftzug schwankte. Draußen summten die Mopeds durch Kadıköy, Händler begannen, ihre Obstkisten auf die Gehwege zu stellen, und aus der Bäckerei unten roch es verführerisch nach Sesamkringeln.
Stefan wälzte sich neben ihr, murmelte etwas Unverständliches, dann blieb er abrupt liegen. Stumm. Reglos.
„Dir ist auch schlecht, oder?“ fragte Annika schließlich, ohne ihn anzusehen.
Ein kurzes Nicken. Dann ein leises: „Boah… total. Mein Magen macht Saltos.“
Sie seufzte. „Ich wusste, dass das Ding auf der Fähre gestern zu riskant war. Diese kalten Sardellen mit Zwiebeln und Mayonnaise…“
„Du hast doppelt so viel gegessen wie ich“, murmelte Stefan, und rollte sich zur Seite.
Annika schloss die Augen. Alles drehte sich leicht. Ihr Bauch war gespannt wie eine Trommel, gleichzeitig drückte ein wellenartiger Schmerz von innen gegen ihre Flanken. Das flaue Gefühl war keine Einbildung. Es war echt, konkret, heftig.
Und es kam in Wellen.
Wenige Minuten später saßen sie abwechselnd und synchron auf der winzigen Hosteltoilette, deren Tür sich nicht richtig schließen ließ. Worte waren überflüssig. Sie sahen einander zwischendurch mit blassem Gesicht an, feucht geschwitzt, mit in sich zusammengesackten Schultern – und einer wortlosen Solidarität, wie sie nur gemeinsame Durchfallnächte schaffen.
Am Nachmittag, als der schlimmste Teil überstanden war, lagen sie beide auf dem Bett, eingewickelt in Decken, mit einem leergeweinten, fast resignierten Ausdruck im Gesicht.
„Heute ist Zahnarzt-Tag gewesen“, sagte Stefan irgendwann.
Annika antwortete nicht sofort. Dann kam ein trockenes: „Wird wohl nichts.“
„Die in der Praxis haben sich wahrscheinlich schon gewundert.“
„Hoffentlich denken sie, wir sind einfach Touris, die’s vergessen haben.“
„Oder denken, du hattest plötzlich Angst.“
Annika drehte sich zur Wand. „Vielleicht hatte ich das auch.“
Stille.
Dann richtete sie sich langsam auf, stützte sich zitternd ab, um sich eine Elektrolytlösung vom kleinen Schreibtisch zu angeln. Ihre Haare waren zerzaust, das Gesicht kreidebleich. Doch da war wieder dieser Ausdruck in ihren Augen – nicht Trotz, sondern eine nüchterne Art von Annahme.
„Ich glaub, ich bin einfach nicht dafür gemacht, gesunde Zähne zu haben“, sagte sie, ohne Bitterkeit. „Immer wenn ich’s versuch… kommt was dazwischen. Immer.“
Stefan sah sie an, den Kopf leicht schiefgelegt. „Nein. Immer, wenn du’s fast versuchst, kommt was dazwischen.“
Sie sah ihn an. Lange. Dann hob sie die Brauen.
„Philosoph. Du mit deinem Geographen-Gesülze.“
Er grinste müde. „Geografie ist die Lehre vom Raum. Und du… schiebst deinen halt manchmal vor dir her.“
Sie schnaubte. „Dann gib mir die Karte, Professor.“
„Nur, wenn du versprichst, bald einen neuen Termin zu machen.“
Sie zögerte. Dann hob sie schwach den rechten Arm zum Schwur.
„Sobald ich wieder aufrecht sitzen kann, ohne dass mir schwindlig wird – vielleicht.“
Zwei Tage später packten sie ihre Rucksäcke. Der Flug nach Indien wartete, die nächste Etappe ihrer Reise. Die Amalgam-Lücke im Backenzahn war noch immer offen. Und die braune Stelle zwischen den oberen Zähnen hatte sich, soweit Annika es im Hostelspiegel erkennen konnte, auch nicht in Luft aufgelöst.
Aber Istanbul lag nun hinter ihnen. Auch der Zahnarzt. Auch die Entscheidung.
Was vor ihnen lag, war weiter, wilder, fremder – und würde mit Sicherheit keine Rücksicht auf alte Füllungen oder aufgeschobene Versprechen nehmen.
Doch noch war alles still.
Annika schob ihre Zahnbürste zurück in den Rucksack. Für einen Moment blieb ihre Hand dort liegen, als würde sie etwas abwägen. Dann schloss sie den Reißverschluss.
Mit einem seltsamen Gefühl – nicht ganz Schuld, nicht ganz Erleichterung – verließ sie das Zimmer.