Zahnweh auf Weltreise
Ausreden und Ausweichmanöver
Der nächste Morgen begann mit dem Ruf des Muezzins und dem fernen Hupen der ersten Dolmuş-Taxis auf der Straße. Die Sonne war noch flach, aber warm, als sie sich durch die dünnen Vorhänge ihres Hostelzimmers schob. Stefan lag bereits wach auf dem Rücken, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, während Annika sich noch einmal demonstrativ auf die Seite drehte und die Decke über den Kopf zog.
„Du willst wirklich nicht mitkommen zum Frühstück?“ fragte er sanft.
Ein gemurmeltes „Mhm“ kam aus dem Deckenhaufen. Dann, nach einem Moment des Schweigens: „Vielleicht später.“
Stefan schmunzelte, stand auf, zog sich an und trat hinaus auf den Flur. Als er zurückkam, eine knappe Stunde später, saß Annika auf dem Rand des Betts, die Haare zu einem unordentlichen Dutt zusammengeknotet, mit einer dampfenden Tasse Tee in der Hand.
„Na, wieder unter den Lebenden?“ neckte er.
Sie zuckte mit den Schultern. „Halbwegs.“
Er setzte sich neben sie, blickte sie prüfend an. „Ich hab gestern noch was recherchiert.“
„Oh?“
„Eine Praxis. Nicht weit von hier, im Stadtteil Şişli. Sehr gute Bewertungen, englischsprachiger Zahnarzt, modern ausgestattet. Die machen sogar Notfalltermine. Ich hab angerufen – man könnte heute Nachmittag einfach vorbeikommen.“
Annika erstarrte für einen Moment. Dann nahm sie einen Schluck Tee, viel zu heiß, und verzog kurz das Gesicht.
„Heute Nachmittag? So schnell?“
„Ja. Ich dachte… je eher, desto besser. Vor allem wegen dem Zahn hinten links. Und… naja, dem braunen Fleck da oben.“
Sie verdrehte leicht die Augen, nicht genervt, sondern in einer Mischung aus Scham und Abwehr. „Das ist nicht mal ein Loch. Nur eine Verfärbung. Ich hab sowas schon mal gehabt, das kann auch durch Tee oder Kaffee kommen.“
Stefan legte den Kopf leicht schräg. „Annika.“
„Was?“ Sie sah ihn an, fast trotzig. „Du willst mich doch nicht ernsthaft in ein Land mit einer völlig fremden Zahnmedizin zwingen, nur weil ich ein bisschen Amalgam verliere?“
„Du bist Biologin. Du weißt, was da alles passieren kann, wenn man so was ignoriert.“
„Ich bin Biologin, kein Gebissmodell“, murmelte sie. „Außerdem… du übertreibst. Ich hab keine Schmerzen, keine Entzündung. Der Zahn ist offen, ja – aber ruhig. Es ist kein Notfall.“
„Aber er könnte einer werden. Und das mitten in Anatolien oder auf einer Insel ohne Strom und Straße.“
Sie schwieg. Dann stand sie auf, ging zum Fenster, stützte sich am Rahmen ab und sah auf die Straße hinunter. Ihre Schultern waren schmal, angespannt.
„Ich will einfach nicht gleich am Anfang dieser Reise wieder in einem Behandlungsstuhl sitzen“, sagte sie leise. „Ich will nicht gleich wieder das Gefühl haben, dass etwas mit mir nicht stimmt. Dass ich repariert werden muss.“
Stefan trat langsam näher, aber hielt Abstand. „Es geht doch nicht darum, ob mit dir etwas nicht stimmt. Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen. Du wärst nicht weniger frei, nur weil du dich um dich kümmerst.“
Sie drehte sich zu ihm um. Ihre Augen waren glasig. „Weißt du, wie oft ich früher da lag? Immer wieder dieselbe Angst, dass es wieder wehtut, wieder gebohrt wird, wieder der Mund tagelang weh tut. Und jedes Mal dachte ich: Ich hab einfach schlechte Zähne. Ich bin irgendwie falsch. Und jetzt? Jetzt bin ich endlich frei. Und du willst, dass ich zurückgehe. Wieder da rein.“
„Nein“, sagte Stefan sanft. „Ich will, dass du nach vorne gehst. Nicht zurück. Aber auf einem gesunden Weg. Du musst das nicht allein machen. Ich geh mit dir hin. Ich bleib bei dir.“
Annika biss sich auf die Lippe. „Können wir es bitte verschieben? Nur ein, zwei Tage. Ich will erst… ich will erst noch ein bisschen diese Stadt spüren. Den Anfang genießen.“
Er nickte langsam. „Okay. Aber dann versprich mir eins: Wir schieben’s nicht endlos. Kein Verdrängen mehr.“
Sie sah ihm lange in die Augen. Dann, mit kaum hörbarer Stimme: „Versprochen.“
Doch tief in ihr wusste sie, dass dieses Versprechen ein zartes, wackliges Ding war – und dass die alte Angst längst wieder mitreiste, still und unerkannt, zwischen all den bunten Momenten der Freiheit.